Bildungspolitische Position der Wirtschaft Sachsen-Anhalt
Bildung ist die zentrale Investition in unsere Zukunft. Von der Rendite dieser Investition profitieren alle – die Menschen, die Wirtschaft und das Land als Ganzes. Wir brauchen daher eine Gesamtstrategie, die die Qualität von Bildung in allen Bereichen verbessert.
Nur eine umfassende Bildung von Persönlichkeit und Berufsfähigkeit ermöglicht wirkliche Teilhabe an der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung. Nur mit gut qualifizierten Menschen können neue Ideen entwickelt und hochwertige Produkte und Dienstleistungen angeboten werden, die die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit des Standortes Deutschland sichern. Bildungspolitik ist auch die wirksamste und nachhaltigste Sozialpolitik, denn nur wer ausreichend auf die Anforderungen in der modernen Wirtschaft und Gesellschaft vorbereitet ist, kann selbstständig sein Leben gestalten, ohne dauerhafte Transferleistungen auskommen und berufliche Chancen realisieren.
Bisher bleiben zu viele Potenziale durch Mängel im Bildungssystem ungenutzt. Dies können und wollen wir uns nicht länger leisten. Wir unterstützen daher die begonnenen Reformen zur Verbesserung der Bildung in Sachsen-Anhalt und in Deutschland. Weitere Schritte müssen aber unternommen werden. Wir brauchen ein effizientes Bildungssystem, das Qualität in der Bildung sichert.
Wie der Rahmen zu gestalten ist, um die Ziele „mehr Effizienz und mehr Qualität“ zu erreichen, stellt der AWSA mit seinen bildungspolitischen Positionen dar.
Ein Zielkorridor für die Bildungspolitik
Bildungspolitik und Bildungsinstitutionen müssen folgenden Zielen verpflichtet sein:
Die Teilnehmer am Bildungsprozess – Lernende wie Lehrende – sind individuell zu fördern und zu fordern.
Die Bildungsqualität ist zu erhöhen.
Effektivität und Effizienz des Mitteleinsatzes sind zu verbessern.
Die Bildungsprozesse sind zu entbürokratisieren, zu professionalisieren und zu internationalisieren.
Bildung muss eine klare Werteorientierung vermitteln und so die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit der jungen Leute fördern.
Dieser Zielkorridor ist Ausgangspunkt und Orientierung für die folgenden Positionen.
Frühkindliche Bildung
Frühes Lernen ist eine wesentliche Voraussetzung für den späteren Schulerfolg. Der Schlüssel zur Verbesserung unseres Bildungswesens liegt in der Zeit vor der Schule!
Wir müssen die Kinder früher als bisher an das Lernen heranführen und ihnen Chancen zum Lernen eröffnen: Kindergärten, Kindertagesstätten und Vorschulen müssen wir zu kindgerechten Lernstätten entwickeln. Die Sprachfertigkeiten und naturwissenschaftliche Kenntnisse sind besonders zu fördern.
Frühkindliche Bildungs- und Erziehungspläne müssen in den Kindergärten systematisch umgesetzt werden.
Damit alle Kinder – unabhängig vom sozialen Hintergrund der Eltern – frühzeitig gefördert und ihre Potenziale entfaltet werden können, ist zumindest ein obligatorisches beitragsfreies Vorschuljahr einzuführen.
Schule
Qualität der Bildung verbessern
Mehr Autonomie der Bildungseinrichtungen und mehr Wettbewerb sind wesentliche Voraussetzungen für die Verbesserung der Bildungsqualität. Die Qualität der Bildungsprozesse und der Bildungsstand der Teilnehmer müssen regelmäßig überprüft werden.
Alle Bildungseinrichtungen sollen – im Rahmen der staatlichen Gesamtverantwortung – größtmögliche Eigenverantwortung erhalten. Das schließt ein, dass Schulen vor allem über die Verteilung ihrer Budgets, die Auswahl des Personals, die interne Organisation und über ihre Bildungsmethoden eigenverantwortlich entscheiden. Moderne Führungs- und Managementmethoden, orientiert z.B. an Leistungs- und Zielvorgaben, ersetzen in allen Bildungsinstitutionen die bisherige ineffiziente Bildungsaufsicht des Staates.
Für die Bildungsinhalte in der Schule wird ein Kerncurriculum definiert. Die Schule muss vor allem den Unterricht in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) und zu ökonomischen Inhalten stärken und verbessern – ohne die Sprachfertigkeiten und die musischen Fächer zu vernachlässigen.
Die Qualität der Bildungsprozesse, die Lernfortschritte und der Bildungsstand der Lernenden werden regelmäßig überprüft. Dem dienen in den Schulen landesweit vergleichbare Lernstandserhebungen sowie Zentralprüfungen. Leistungsprüfungen werden nach nationalen einheitlichen Qualitätsmaßstäben durchgeführt, um die Qualitätssicherung und die damit verbundene Vergleichbarkeit zu verbessern. Darüber hinausreichende eigene Standards der Länder unterstützen den föderalen Wettbewerb. Die ermittelten Qualitätskennziffern der Bildungseinrichtungen sollten in Zukunft als Information für die Nutzer regelmäßig öffentlich (z. B. im Internet) dokumentiert werden.
Schulen kontrollieren durch interne Evaluation die Erreichung ihrer Bildungsziele. Die Ergebnisse werden durch externe Experten verifiziert. Auch Weiterbildungseinrichtungen, die anerkannte Abschlüsse vermitteln, sind regelmäßig zu evaluieren. Dabei ist besonderer Wert auf die Professionalisierung der Dozenten und des Leitungspersonals zu legen. Wissen und Erfahrungen der Wirtschaft bei der Entwicklung von Qualitätsmanagement-Systemen sollten von den Schulen und Hochschulen genutzt werden, zum Beispiel durch die Einrichtung gemeinsamer Teams von schulischen und betrieblichen Qualitätsmanagern.
Um die Qualität der Bildung zu sichern und zu verbessern, muss in den Schulen die Zahl der geleisteten Wochen- und Jahresunterrichtsstunden erhöht und der Unterrichtsausfall wirksam verringert werden. Auch die unterrichtsfreie Zeit ist effizienter zu nutzen: So können Schulferien beispielsweise für zusätzlichen Unterricht in Sommerschulen und für individuelle Fördermaßnahmen eingesetzt werden.
Schulstrukturen optimieren
Wir müssen die Qualität des Schulunterrichts verbessern. Das heißt vor allem, die intensivere individuelle Förderung der Leistungsschwächeren und der Leistungsstarken zu gewährleisten. An diesem zentralen Ziel muss sich auch die Entwicklung der Schulstrukturen ausrichten. In einem föderalen System kann dieser Optimierungsprozess durchaus zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Die Schulstrukturen unterscheiden sich in unserem föderal differenzierten Bildungssystem von Bundesland zu Bundesland. Das entspricht auch der Idee des Wettbewerbs zwischen den Bundesländern. Ob die einzelnen Länder das dreigliedrige Schulsystem weiterführen, Gesamtschulen anbieten oder auf die Alternative eines zweigliedrigen Schulsystems – kombinierte Haupt- und Realschule und Gymnasium – setzen, ist nachrangig. Wichtig ist, dass jede Schulstruktur die Voraussetzungen zur individuellen Förderung der leistungsschwächeren wie auch der leistungsstarken Schüler schaffen muss.
Die notwendigen Reformen im Bildungsbereich müssen dem Grundsatz „Gezielt Fördern statt Selektieren" folgen. Gerade vor dem Hintergrund des demographischen Wandels kann es sich Deutschland nicht länger erlauben, junge Menschen auf dem Bildungsweg zurückzulassen. Die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Einzelnen entscheiden sowohl über den volkswirtschaftlichen Wohlstand als auch über individuelle Teilhabechancen an der Gesellschaft.
Schüler ohne jeden Abschluss ins Leben zu entlassen, ist ein Drama. Sie haben keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Es sind geeignete Maßnahmen zu ergreifen, die Schulabgängerquote von ca. 11% ohne Abschluss in Sachsen-Anhalt um mindestens 50% zu senken.
Im bestehenden System unterschiedlicher Schulstrukturen muss sichergestellt werden, dass Wechsel zwischen den Schulformen möglich sind und die regionale Mobilität der Schüler und ihrer Familien nicht eingeschränkt wird.
Die Qualität des Bildungspersonals stärken
Die Reform des öffentlichen Dienstrechts für Schulen und Hochschulen muss weitergeführt werden. Wichtig ist es, den Leistungsgedanken einzuführen und Leistungsanreize zu setzen, um so die Qualität des Bildungspersonals zu sichern.
Vordringlich sind in den Schulen die Ausdehnung von Präsenzzeiten und eine Verpflichtung zu regelmäßiger Fortbildung. Fortbildung muss Teil eines bedarfsorientierten Personalentwicklungskonzepts werden. In Schulen und ist eine leistungsorientierte Vergütung erforderlich.
Von Anfang an muss die Lehrerausbildung auf den späteren Beruf ausgerichtet sein. Das ist die Basis der Professionalisierung. Grundlage für die Einstellung in den Schuldienst ist ein Abschluss als Bachelor oder Master. Der Einstellung geht ein intensives Auswahlverfahren der Schulen voraus. Die Lehrtätigkeit selbst wird von einer kontinuierlichen Personalentwicklung begleitet. Um die Berufserfahrung qualifizierter Fachkräfte der Wirtschaft zu nutzen, müssen wir ihnen über eine Weiterqualifizierung den Einstieg in den Lehrerberuf ermöglichen. Andererseits muss die Professionalisierung der Lehrer auch ihre Mobilität für den Arbeitsmarkt gewährleisten, die mit Blick auf die Demografie notwendig ist.
Schulen müssen sich mit ihrem Unterricht stärker an der Arbeitswelt orientieren. Die Schulen sollen verstärkt Praktiker als Experten im Unterricht einsetzen.
Schule und Wirtschaft kooperieren
Schüler brauchen auch Kenntnisse über ökonomische Zusammenhänge sowie Abläufe und Strukturen der Arbeitswelt aus erster Hand. Das bundesweite Netzwerk SCHULEWIRTSCHAFT fördert den persönlichen und direkten Austausch zwischen Schulen und Unternehmen, um Wirtschaft für Schüler greifbar zu machen. In rund 450 Arbeitskreisen SCHULEWIRTSCHAFT, auch in Sachsen-Anhalt arbeiten Schulen und Betriebe zusammen. Regelmäßige Praktika für Schüler und Lehrer, Betriebserkundungen, Erfahrungsberichte und direkte Kooperationen vermitteln den Jugendlichen Einblicke in die berufliche Praxis. Zur Berufsvorbereitung gehört auch die Vermittlung von ökonomischem Wissen – am besten in einem eigenständigen Unterrichtsfach Wirtschaft – und eine Stärkung der mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Fächer.
Duale Berufsausbildung
Die duale Berufsausbildung ist zu stärken
Um im Übergang auch Leistungsschwächeren betriebliche Ausbildungschancen bieten zu können, müssen Berufe mit unterschiedlichem Anforderungsniveau und zugehörige Anrechnungsmöglichkeiten geschaffen werden. Sinnvoll zur Integration leistungsschwacher Jugendlicher in betriebliche Ausbildung ist eine gezielte finanzielle Eingliederungshilfe sowie eine stärkere Flankierung der Ausbildung durch begleitende Hilfen.
Zur Nutzung der Potentiale leistungsstarker Jugendlicher sind Zusatzqualifikationen anzubieten.
Hochschule
Wir brauchen exzellente und wettbewerbsfähige Hochschulen in der Vielfalt der Profile von Fachhochschulen und Universitäten in staatlicher und privater Trägerschaft, die auf hohem Niveau forschen und insbesondere auch lehren.
Profilbildung setzt Autonomie in Personalrekrutierung, Finanzverantwortung und Management voraus.
Ziel muss die Beschäftigungsfähigkeit und Innovationskraft der Absolventen sein.
Hochschulen müssen sich mit ihrem Unterricht stärker an der Arbeitswelt orientieren. Die Hochschulen integrieren Lehraufträge und Praktika verbindlich in die Studienpläne und verknüpfen gezielt praxisnahes Wissen mit theoretischen Problemstellungen. Daraus resultieren auch Anstöße für die Forschung.
Der Anteil Studierender in naturwissenschaftlichen und technischen Studienrichtungen ist zu erhöhen
Die Durchlässigkeit des Bildungssystems erhöhen
Um die Effizienz des Bildungssystems zu erhöhen und um alle Potenziale auszuschöpfen, müssen wir die Durchlässigkeit zwischen den Bildungsgängen und Bildungsebenen sowie zwischen dem Bildungs- und dem Beschäftigungssystem erhöhen und fördern.
Die im Laufe einer Bildungs- und Berufskarriere erreichten Kompetenzen werden für die künftige Weiterbildung dokumentiert und – soweit möglich – auf andere Bildungsgänge anrechenbar gemacht. Wir brauchen ein Credit-Point-System, das die berufliche Aus- und Weiterbildung mit einbezieht. Es muss so ausgelegt sein, dass es auch Anrechnungsmöglichkeiten für die Hochschulbildung schafft und die Übergänge erleichtert. Hier bietet die Weiterentwicklung bestehender betrieblicher Qualitätsmanagementsysteme (die auch die Weiterbildung einschließen) einen möglichen Ansatzpunkt. Mit der Dokumentation wird zugleich die Voraussetzung für eine rasche Internationalisierung des Bildungssystems geschaffen.
Die Berufsausbildung wird durch eine modularisierte Gestaltung unter Erhalt des Berufsprinzips inhaltlich und zeitlich flexibilisiert. An klaren beruflichen Profilen wird im Interesse der Transparenz und Beschäftigungsfähigkeit festgehalten.
Die Hochschulen übernehmen mit der Einführung von Bachelor- und Masterabschlüssen die international übliche Zweistufigkeit im Studiensystem. Als dritte Studienphase werden Promotionsstudiengänge angeboten. Der Bachelor kann an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien erworben werden. Um für Bachelor-Absolventen eine Weiterqualifizierung nach dem Berufseinstieg zu ermöglichen, werden Masterstudiengänge auch berufsbegleitend angeboten.